"Die Fremde"
Drama von Feo Aladag
Mehr als fünf Jahre ist es her, dass an einer Bushaltestelle in Berlin die junge Türkin Hatun Sürücü erschossen wurde – von ihrem eigenen Bruder, und zwar weil sie durch ihr Verhalten angeblich die Ehre der Familie beleidigt hatte. Feo Aladag hat das heikle Sujet jetzt verfilmt, auch wenn sie den Fall Sürücü nicht eins zu eins wiedergibt. Aladag will mit ihrem Film eine universelle Geschichte erzählen, gewissermaßen ein Destillat des Konflikts: Der individuelle Wunsch nach Freiheit des Einzelnen und die traditionellen Werte in vielen türkischen Familien – was passiert, wenn sie miteinander kollidieren?
Die junge Umay
(Sibel Kekili) flieht mit ihrem Sohn aus der Türkei, weil ihr Ehemann sie schlägt. Sie flüchtet sich zu ihrer Familie nach Berlin und hofft, dort ein freies und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Anstatt die Tochter zu unterstützen, die doch offensichtlich Schlimmes durchgemacht hat, übt ihre Familie allerdings schon bald großen Druck auf Umay aus: Sie soll zu ihrem Ehemann zurückkehren und so die Ehre der Familie retten. Als sie sich weigert, versuchen ihre Brüder, ihr Kind zu entführen und in die Türkei zurückzubringen, sodass Umay schließlich Zuflucht im Frauenhaus suchen muss.
Hier beginnt die eigentliche Tragödie: Anstatt sich von ihrer Familie abzuwenden und mit ihrem Sohn ein ganz neues Leben zu beginnen, versucht Umay, die Akzeptanz ihrer Familie zurück zu gewinnen. Sie schreibt ihrer Mutter Briefe, sie taucht auf der Hochzeit ihrer Schwester auf, sie lässt nichts unversucht, obwohl sie immer brutaler zurückgestoßen wird. Immer wieder holt sie sich körperliche und seelische Verletzungen ab, bis es schließlich zur Katastrophe kommt.
Die Fremde ist handwerklich
sehr ordentlich. Die Geschichte ist spannend erzählt, Kamera und Musik sind stimmig und die Schauspieler sind durch die Bank gut: sowohl die deutschen und türkischen Filmschauspieler als auch die vielen Laien, die mitgespielt haben. Dennoch bleibt am Ende ein merkwürdiger Nachgeschmack. Der eigentliche Bösewicht – so Aladags Fazit – ist nicht der Mörder, sondern die unmenschliche Tradition, die ihn zu seinem Handeln treibt. Diese Moral ist fragwürdig, denn zum Glück gibt es ja auch viele traditionelle türkische Familien, die ihre internen Probleme auf humane Art und Weise lösen.
Carsten Beyer, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 09.03.2010