Maarten 't Hart: "Der Schneeflockenbaum"
Roman
Der Calvinismus, die Musik und die Liebe: Dieser Dreiklang ertönt immer wieder in den Büchern des holländischen Autors Maarten’t Hart, auch in seinem neuen Roman Der Schneeflockenbaum.
Eine Art Registerarie in Prosa: Ansje, Ria, Wilma, Hebe, Frederica, Julia, so heißen die Mädchen und Frauen, denen sich der namenlose Ich-Erzähler von Maarten ’t Harts neuem Roman in Liebe entflammt nähert. Doch nach ersten Erfolgen scheitert er regelmäßig, die begehrten Wesen wenden sich von ihm ab – und seinem besten Freunde Jouri zu.
Ein seltsamer Mechanismus
bestimmt das Leben der beiden Freunde, die trotz ihres Konkurrenzverhaltens lebenslang nichts trennen kann: Jouri interessiert sich nur für weibliche Wesen, die der Ich-Erzähler begehrt. Und da die Frauen Jouri einfach nicht widerstehen können, spannt er sie seinem Freund aus. Kein böser Wille leitet ihn, er ist ganz der unschuldige Wolf, der sich den verliebten Lämmchen nähert und etwas zerstreut seiner Begierde unterwirft.
Diese (Tragi-)Komödie der sexuellen Irrungen und Wirrungen im Rahmen einer Männerfreundschaft spielt quasi auf der hell ausgeleuchteten Vorderbühne des Romans. Doch schon bald merkt man, dass sich dahinter eine dunklere Geschichte aufbaut. Rückblende ins Holland der vierziger und fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Der Ich-Erzähler wächst in streng calvinistischem Milieu auf. Der Tag des Herrn, der Sonntag, wird geheiligt und nicht mit unnützem Spiel vertan. Auch sonst gelten strenge Lebensregeln, Glaubensgewissheit erwächst aus der Bibellektüre. So kann die Mutter 150 Psalmen auswendig – und zwar in der altertümlichen gereimten Form. Es ist eine umgrenzte Existenz, nicht ohne eine karge Schönheit, die sich der Verführungskraft des Weltlichen und der weltlichen Künste nicht aussetzen will.
Vom Ausbruch aus dieser Welt
handelt der Schneeflockenbaum wie alle vorhergegangenen Romane Maarten ’t Harts. Wieder zeigt der Autor die Dialektik des Wegs in die Freiheit der Moderne. Der Ich-Erzähler löst sich aus den Fesseln geistiger Enge und lässt seine Vergangenheit unwiderruflich hinter sich, doch ein kleines, schmerzendes Gefühl des Verlusts wird ihn, ohne dass er sich das offen eingestehen könnte, immer begleiten. Dies ist der grundlegende Widerspruch, der Maarten ’t Harts Büchern ihre Spannung verleiht.
Doch wie findet der Ich-Erzähler, hinter dem wir leicht maskiert den Autor mit seiner Biographie, seinen Überzeugungen und Marotten entdecken können, den Weg in die Freiheit? Er wird, so muss man es wohl sagen, der Gnade der Musik teilhaftig. Der Vater seines Freundes Jouri liebt als Einziger weit und breit die klassische Musik. Ein schweigsamer Sonderling, ein Einzelgänger, ein Verfemter ist dieser Mann, der sich zu Kriegszeiten auf die Seiten der deutschen Besatzer geschlagen hatte und nun als exemplarischer Nazi-Kollaborateur geächtet wird.
Dieser einsame und verbohrte Mensch,
der sich mit Fahrradreparaturen mehr schlecht als recht über Wasser hält, hat eine zarte, musikalische Seele. In seiner Werkstatt legt er zerkratzte Platten auf einen alten Plattenspieler und lädt den kindlichen Ich-Erzähler zum Hören klassischer Musik ein. Ein kleines Wunder geschieht täglich viele Stunden lang in dieser Werkstatt: Die beiden lauschen einer Musik, die sie verzaubert. Wahrhafte Amateure sind sie, die weder die Titel der Stücke noch die Namen der Komponisten kennen.
Das ist eine wunderbare Initiationsgeschichte. Man hat das Gefühl, nun kann der Junge hinaus ins Leben gehen, etwas wirklich Böses wird ihm nicht mehr geschehen. Und in der Tat: Die Welt öffnet sich ihm. In Leiden beginnt er, der einst so gerne in Abwassergräben nach Egeln und anderem Getier getaucht hat, ein Studium der Biologie. Sein Spezialgebiet: Die Parasiten und die „erbkoordinierte Schlupfwespe“. Was nicht allzu weit von Maarten ’t Harts Werdegang entfernt ist. Er studierte Verhaltensbiologie in Leiden, wo er seine Doktorarbeit über das Verhalten von Ratten schrieb und von 1970 bis 1987 als Dozent für Verhaltensbiologie arbeitete.
Mit leichter Hand
erzählt Maarten ’t Hart seine Geschichten von der Freundschaft, von der Liebe zu den Frauen und der Liebe zur Musik, von den dunklen Seiten der holländischen (und deutschen) Geschichte. Die dunklen Farben sind allerdings nicht seine Sache. Er ist ein menschenfreundlicher, dem Leben zugewandter Autor, dem die Melancholie nicht fremd ist. Das ganze Leben, besteht es nicht letztlich aus einem einzigen Augenblick? Geht es vielleicht jedem Menschen ähnlich wie der Mutter, die sich als alte Frau daran erinnert, wie sie in ihrer Jugendzeit einem jungen Mann begegnet ist: "Auf diesen Nachmittag habe ich hingelebt, und danach habe ich davon weggelebt, und dieser eine Nachmittag, den vergisst man dann nie."
Die Schönheit vom Maarten ’t Harts Schneeflockenbaum besteht darin, dass er diese kleinen, schmerzlich-schönen Momente auf wunderbare Weise erstrahlen lässt.
Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 08.03.2010